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Kati Drude: Elternbegleitung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Erzählen Sie bitte von Ihrem Beruf

In meiner Tätigkeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin und Elternbegleiterin auf der Kinderstation in der Klinik für Kinder - und Jugendpsychiatrie und Psychosomatik begleite und unterstütze ich Kinder und Jugendliche in dem Alter von 8 bis 14 Jahren, die in unserer Klinik stationär behandelt werden und begleite während des Klinikaufenthalts ihre Familien. Die Kinderstation verfügt über 10 Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche, unsere Aufgaben in der stationären Behandlung sind die Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von psychischen und psychosomatischem Ausfälligkeiten, Problemen und Störungen bei Kindern und Jugendlichen unter Beobachtung ihrer Einbindung in das familiäre und soziale Umfeld. Neben einer ausführlichen Kinder- und Jugendpsychiatrischen sowie psychosomatischen Diagnostik bieten wir therapeutische Einzel- und Gruppentherapie, Familiengespräche, schulische Begleitung, soziales Kompetenztraining, medikamentöse Therapie, Fachtherapien (Bewegungs- und Kunsttherapie), Beratungs- und Informationsgespräche zu dem Thema Erziehung und Familie sowie sozialpädagogische Beratung.

Welche Schwierigkeiten haben die Eltern und Kinder, mit denen Sie täglich in Kontakt sind?

In meinem Arbeitsfeld auf der Kinderstation in der Kinder und Jugendpsychiatrie begleite ich Kinder und ihre Eltern, die sich in tiefen Krisen, in widrigen Lebensumständen befinden oder an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt sind. Die Kinder und ihre Eltern befinden sich zu dem Zeitpunkt des Einstieges in eine stationäre Behandlung auf der Kinderstation längerfristig in schwierigen Lebensumständen und sind dadurch stark belastet. Die anhaltende Corona-Pandemie ist ein widriger und schwieriger Lebensumstand für viele Familien, die die Kinder und ihre Eltern in Krisen versetzt und das Risiko, dass Kinder und Jugendliche psychisch erkranken, z.B. an einer Angststörung, Depression oder einer Zwangserkrankung, ist deutlich höher.

Sowohl die Eltern als auch die Kinder vermitteln uns in ihrer Belastung den Zugang zu ihren eigenen Fähigkeiten verloren zu haben und sich ihrer nicht mehr bewusst zu sein. Ich nehme in meiner Arbeit auf der Kinderstation wahr, dass die Eltern sich in diesen schwierigen und widrigen Lebensumständen von uns Lösungen und Lösungswege erhoffen und nach Halt und Unterstützung suchen. In meinem Alltag erlebe ich nicht selten wie Eltern aufgrund ihrer Verunsicherung, das Vertrauen in ihre Fähigkeiten und Stärken verlieren und durch Überlastung und Überforderung oder aufgrund eigener psychischer Probleme nicht mehr handlungsfähig für sich und ihre Kinder sind. In einem Großteil der Familien sind die

unterstützenden vorherigen Maßnahmen, wie z.B. Familienhilfen, Schulbegleitungen, ambulante Therapien, teilstationäre Therapien (Tagesklinische Behandlungen) nicht gelungen. Die Eltern sehen uns als letzten Lösungsweg für die Bearbeitung ihrer schwierigen und widrigen Lebensumstände. Nicht selten richtet sich der Satz, „Wir wissen nicht mehr weiter.“ an uns, in den ersten Gesprächskontakten mit den Eltern. Selten erlebe ich, dass Eltern positive Erfahrungen in der Elternarbeit gemacht haben vor dem stationären Aufenthalt ihrer Kinder auf der Kinderstation.

Warum wollten Sie die Qualifizierung zur Elternbegleiterin manchen?

Ich bemerkte, dass wir vordergründig auf die Probleme der Kinder fokussiert waren und das empfand ich als nicht ausreichend.

Durch den Einstieg in die stationäre Behandlung ihrer Kinder und Jugendliche auf der Kinderstation in der Kinder und Jugendpsychiatrie benötigen die Eltern von dem ersten Tag an unsere Unterstützung und Begleitung, da die hohe Belastung der Eltern dazu führt, dass die Eltern verstärkt den Blick darauf richten, was ihnen und ihren Kindern nicht gelingt und der Fokus auf den Schwächen und des Unvermögens liegt, verbunden mit Scham und Schuldgefühlen, die Angst und Verunsicherung auslösen. Ähnlich wie die Kinder und Jugendlichen Hilfe und Schutz suchen, brauchen die Eltern diese Hilfe und diesen Schutz ebenso in ihrer Überlastung und Überforderung. Mein Wunsch war es mich qualifiziert auszubilden und weiterzubilden, mit der Möglichkeit weitere Methoden in der Elternarbeit zu erlangen und diese in meiner täglichen Arbeit anwenden zu können. Ich habe zuvor schon Eltern-Kind Gruppen geleitet, jedoch verspürte ich den Wunsch in meiner Tätigkeit über mehr Fachwissen, Kenntnisse in der Methodik und der Erweiterung meiner Handlungskompetenz in der Elternarbeit.

Und diese konnten Sie aus der Qualifizierung mitnehmen?

Ja, die Qualifizierung zur Elternbegleiterin hat mir das ermöglicht und ich bin sehr dankbar darüber, spürbar besser ausgebildet mit den Eltern auf der Kinderstation arbeiten zu können. Schon  während  der  Qualifizierungsmaßnahme  stellte  ich  fest,  dass  wir  durch  die  hohe

Belastung der Familien und die für die Familien bestehenden schwierigen Lebenssituationen

dazu verleitet waren, den Eltern Problemlösungen anbieten zu müssen und die Verantwortung in der Begleitung der Eltern mit ihren Kindern mit zu übernehmen. Durch die Rollenspiele in den Seminarwochen und die von den Referenten vermittelte dialogische Haltung in der Elternbegleitung wurde mir früh deutlich, dass ich die Begleitung der Eltern verändern und neu ausrichten wollte. Ich verspürte ein großes Bedürfnis und Engagement die Elternarbeit zu gestalten in der stationären Begleitung der Eltern während der Behandlung ihrer Kinder auf der Kinderstation. Mein Wunsch und Ziel ist es, dass die Eltern wieder Experten für sich selbst und für ihre Kinder werden und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückgewinnen.

Wenn Sie einen Tipp für Ihre Kolleginen und Kollegen geben würden, was wäre das?

Den Fokus auf die Ressourcen in den Familien und den Eltern zu richten und das Handeln der Eltern nicht zu beurteilen und zu bewerten, den Eltern handlungsorientiert als Experten zu begegnen, die Eltern darin zu unterstützen ihre Handlungsfähigkeit zurück zu erlangen und die Fähigkeit Hilfe zu holen, wenn Eltern diese brauchen und die Fähigkeit in Beziehung zu sein mit den Eltern durch das Aufbauen von Vertrauen und einer dialogischen Beziehungsarbeit

Was braucht Elternbegleitung für ihre Wirksamkeit? Bzw. welche Strukturen braucht die Elternbegleitung?

Elternbegleitung braucht für ihre Wirksamkeit Zeit. In den Zeitstunden pro Woche benötige ich 16 Stunden für die Beziehungsarbeit, das Fallverstehen und die Kriseninterventionen mit den Eltern.

Geeignete Räumlichkeiten sowohl für Elterngespräche als auch für größere Eltern-Kind Gruppen nach der Pandemie,

Unterstützung durch Kolleg*Innen,

Unterstützung durch die Zentrums und Stationsleitung der Kinderstation und der ärztlichen Leitung der Klinik,

Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit der Elternarbeit/Elternbegleitung, damit Elternbegleitung bekannt und anerkannt wird,

Einen konstanten fachbezogenen Austausch durch das Familienministerium und eine Fortsetzung in den Weiterbildungsangeboten für die Arbeit mit den Eltern,

Berücksichtigung der Notwendigkeit von Elternbegleitung seitens der Kostenträger stationärer und ambulanter Therapien in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

 

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