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Abschlussreport Qualifizierung Elternbegleitung

Eine stolze Zahl: 14.500 Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter bundesweit! Nach 10 Jahren kann auf eine erfolgreiche Qualifizierung zur Elternbegleiterin und zum Elternbegleiter zurückgeblickt werden. In dieser Zeit wurde nicht nur mit der Weiterbildung, sondern auch mit der Vernetzung der Fachkräfte untereinander zur weiteren Stärkung der präventiven Familienbildung in den Kommunen beitragen. Die Landschaft der Familienbildung und Familienförderung in Deutschland verändert sich. Wissenschaftliche Befunde und bisherige praktische Erfahrungen zeigen: Um eine Kommune familiengerecht zu gestalten und auszurichten, lohnt es sich, Eltern und ihre Kinder präventiv und damit frühzeitig zu adressieren. Die beiden Qualifizierungsprogramme für Fachkräfte der Familienbildung "Elternchance ist Kinderchance" und das ESF-Bundesprogramm "Elternchance II" unterstreichen seit 2011 die präventive Wirkung von Familienbildung. Die qualifizierten Elternbegleiterinnen und -begleiter unterstützen Familien bei Fragen kindlicher Bildungs- und Entwicklungsprozesse, stärken die Erziehungs- und Elternkompetenz, eröffnen Bildungsoptionen, beraten Eltern bei Fragen zum Übergang in die Kita, von der Kita in die Schule und zur Schulwahl und entwickeln neue, niedrigschwellige Angebote für Familien.

Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind als Brückenbauerinnen und -bauer sowie kompetente Ansprechpartnerinnen und -partner Schlüsselfiguren, um mit den Familien vor Ort in ein vertrauensvolles Gespräch zu kommen. Elternbegleitung ist daher ein wichtiger Baustein zur breiten Verankerung der kommunalen Familien und zur wirksamen Vernetzung familienunterstützender Angebote im Erziehungs- und Bildungsbereich.

Der Abschlussreport gibt einen Überblick  über die Elternbegleitung im Rahmen vom Bundesprogramm „Elternchance ist Kinderchance – Elternbegleitung der Bildungsverläufe der Kinder“ (2011-2015) und des ESF-Bundesprogramms „Elternchance II – Familien früh für Bildung gewinnen“ (2015-2021): Von der Bedeutung der Elternbegleitung und dem Mehrwert in der Familienförderung, über die Ergebnisse aus dem Monitoring bis zur Sicht aus der Wissenschaft – und natürlich die Erfahrungen der Qualifizierungsträger, Dozentinnen und Dozenten sowie die Umsetzung durch die Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter selbst.

Fakt ist: Elternbegleitung ist als ein flächendeckendes Angebot in ganz Deutschland angekommen (s. Link Standortkarte Elternbegleitung).

Ab dem Jahr 2022 wird die Etablierung, Weiterentwicklung und Verstetigung von Elternbegleitung in den kommunalen Strukturen gezielt gefördert (s. Link ESF Plus-Bundesprogramm "ElternChanceN - mit Elternbegleitung Familien stärken") – auf dass die Erfolgsgeschichte Elternbegleitung weitergeht!

An dieser Stelle möchten wir auf das aktualisierte Chartbook "Bilanz und Perspektiven aus 10 Jahren Elternbegleitung" hinweisen.

 

 

Elternbegleitung – wirksame Familienförderung

Elternbegleitung: nah an allen Eltern dran

Elternbegleitung ist ein präventives Angebot der Familienbildung und zielt auf die Stärkung der Familie als zentralem Ort für die Bildung und Förderung der Kinder ab. Über das Bundesprogramm „Elternchance ist Kinderchance“ (2011 – 2015) und den Europäischen Sozialfond kofinanzierte Bundesprogramm „Elternchance II – Familien früh für Bildung gewinnen“ (2015 – 2021) wurden bundesweit über 14.500 Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter qualifiziert.  Durch beide Programme konnten Fachkräfte aus familienbildenden Bereichen in modular aufgebauten Qualifizierungskursen ihre Kenntnisse und Kompetenzen zur Gestaltung eines alltagsförderlichen Klimas in der Familie, zu Bildungsverläufen und -übergängen erweitern. Praxisnahe Themen wie das Wissen über geeignete Zugänge zu benachteiligten Eltern, wertschätzende Kommunikation „auf Augenhöhe“, partnerschaftliche Verantwortung der Eltern oder die Vernetzung mit anderen Einrichtungen des Sozialraums gehörten zu den Kursinhalten.

Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter stehen unter anderem in Kitas, Familienbildungsstätten, Mehrgenerationenhäusern oder Grundschulen den Eltern als Vertrauenspersonen vor Ort in allen Belangen der Bildung und Erziehung im Familienalltag zur Seite. Sie sind Bindeglied zwischen Eltern und Bildungsinstitutionen und kooperieren mit anderen Einrichtungen und sozialen Diensten im regionalen Raum.

Elternbegleitung wirkt

Die Bildungsbegleitung von Familien und ihren Kindern leistet einen wesentlichen Beitrag zur Bildungszukunft und sozialen Chancengleichheit aller Kinder. Insbesondere Familien mit Migrationshintergrund, Familien aus sozial benachteiligten Lebenslagen und bildungsungewohnte Familien profitieren von niedrigschwelligen und aufsuchenden Angeboten der Elternbegleitung.

Dass Elternbegleitung wirkt ist durch die wissenschaftliche Begleitung der Bundesprogramme während der Programmlaufzeiten der letzten 10 Jahre belegt. Die Ergebnisse unterstreichen die positiven Auswirkungen einer aktiven Bildungsbegleitung von Familien einerseits und verweisen auf hohe Zufriedenheitswerte der Fachkräfte mit der Qualifizierung andererseits. Es zeigt sich, dass die Qualifizierung die Qualität der Zusammenarbeit mit Eltern deutlich steigert und eine sehr hohe Praxisrelevanz besitzt.

Der Bedarf und die Bedeutung von Familien- und Elternbegleitung steigt bundesweit: Angebote zur Bildungsbegleitung haben nach einer im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführten Studie der Prognos AG in den letzten fünf Jahren einen höheren Stellenwert in familienbildenden Einrichtungen erhalten. Von den in 2019 befragten Einrichtungen, die noch keine entsprechenden Angebote zur Bildungsbegleitung von Familien machten, plant rund jede zehnte Einrichtung in den nächsten fünf Jahren eine Umsetzung. Zugleich werden die unverzichtbare Rolle der Familienbildung und Familienberatung zur Stärkung der Familien deutlich. Elternbegleitung ist inzwischen in vielen Kommunen angekommen.

Jenseits der unmittelbaren Bewertung des Stellenwerts von Elternbegleitung für Fachkräfte und Eltern sind aber auch die längerfristigen familien- und bildungspolitischen Wirkungen der Bundesprogramme hervorzuheben. Diese Impulse sind zusammenfassend vor allem auf drei Ebenen sichtbar:

Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Eltern gilt inzwischen als übergreifendes Qualitätsmerkmal früher Förderung und Bildung. Diese Entwicklung erkennt den wissenschaftlich belegten hohen Stellenwert der Familie für die kindliche Entwicklung an. Die Relevanz von vertrauensvollen Beziehungen zwischen Fachkräften und Eltern ist nicht nur eine zentrale Leitidee der Familienbildung, sondern auch selbstverständlicher Grundgedanke der Einrichtungen im Bereich frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung. Die an Bedeutung gewinnende Philosophie der Erziehungs- und Bildungspartnerschaften und eines kooperativen Miteinanders „auf Augenhöhe“ belegen dies eindrücklich.

Bildung ist zudem ein deutlich wichtigeres Thema in der Familienförderung geworden. Denn auch der Grundstein für den Bildungsweg von Kindern wird in der Familie gelegt. Eltern werden daher dabei begleitet, die Bildungsverläufe ihrer Kinder zu unterstützen und Entwicklungsprozesse so gut wie möglich zu fördern. Das Ziel, elterliche Erziehungskompetenzen zu stärken, ist erfolgreich um die Dimension der Bildungskompetenz erweitert worden. Bildung wird dabei nicht länger ausschließlich als formale Bildung verstanden; die enge Verknüpfung zum schulischen Lernen existiert so nicht mehr. Vielmehr steht die Alltagsbildung von Kindern im Mittelpunkt und ein informelles Lernen, das beiläufig sowie zeit- und ortsungebunden erfolgt.

Bildung hängt als Thema stets auch mit Bildungschancen zusammen. Diese Chancen realisieren zu können, ist für Kinder eng mit einer frühen Förderung verknüpft. Diese Erkenntnis haben wissenschaftliche Befunde untermauert: Programme für die frühe Bildung sind im Sinne einer positiven Kosten-Nutzen-Bilanz für die Kinder selbst, aber auch für die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, sehr sinnvolle Investitionen, weil sie präventiv ansetzen. Auch für die Elternbegleitung wurde diese hohe Effizienz aufgezeigt. Hiervon können – in einer familienbezogenen Infrastruktur von hoher Qualität – insbesondere Familien profitieren, die einen erschwerten Zugang zum Bildungssystem haben und Benachteiligungen erfahren. Insofern haben die Bundesprogramme dazu beigetragen, die Zugangswege zu größer werdender Vielfalt der Familien zu erweitern. Im Rahmen von „Elternchance II“ werden Familien mit potentiell hohem Bedarf an Beratung und Begleitung laut der Abschlussbefragung durch die qualifizierten Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter  sehr gut erreicht: Den höchsten zeitlichen Anteil verwenden die Fachkräfte für die Arbeit mit Familien mit Migrationshintergrund (51 Prozent sehr hoch oder eher hoch), gefolgt von bildungsfernen Familien (45 Prozent sehr hoch oder eher hoch) und einkommensarmen Familien (43 Prozent sehr hoch oder eher hoch). Auch die Zielgruppe der Paare wird gut erreicht (52 Prozent sehr hoch oder eher hoch).

Literatur

DJI/FAU (2015): Evaluation des Bundesprogramms „Elternchance ist Kinderchance.“ Abschlussbericht. München: DJI. Online unter: http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/elternchance/Abschlussbericht_Evaluation_Elternchance_ist_Kinderchance.pdf (30.09.21)

Kompetenzteam „Frühe Bildung in der Familie“ (2021): Auswertung der Online-Post-Befragung zur Qualifikation zur*zum Elternbegleiter*in im ESF-Bundesprogramm „Elternchance II“. Berlin: EHB (unveröffentlicht).

Krüger, Detlef/Schröder, Angela (2017): Familienbildung und Familienförderung zum gelingenden Aufwachsen von Kindern als Aufgabe des Jugendamtes. Online unter: http://www.bmfsfj.de/blob/116312/dfaa781be0aee4b262eeb6ba6dbb419e/familienbildung-undfamilienfoerderung-zum-gelingenden-aufwachsen-von-kindern-als-aufgabe-des-jugendamts-data.pdf (30.09.21).

Krüger, Detlef (2018): Verbesserung der Bildungsmobilität in Deutschland. Zur Wirtschaftlichkeit von Eltern- und Bildungsbegleitung für benachteiligte Familien. Blätter der Wohlfahrtspflege 6.

Prognos AG (2021): Familienbildung und Familienberatung in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. Online unter: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/183222/e7ce032e8b741bb93ac3f53fdf358d76/familienbildung-und-familienberatung-in-deutschland-prognos-data.pdf

Zahlen, Daten und Fakten

Wie viele Fachkräfte wurden seit 2011 bis Ende 2021 qualifiziert?

Wie viele Fachkräfte wurden seit 2011 bis Ende 2021 qualifiziert?

Die Nachfrage nach der Qualifizierung war im gesamten Programmverlauf durchgängig hoch: Zum Stand 03.12.2021 haben bundesweit mehr als 14.500 Fachkräfte (genau 14.519) der Familienbildung die Qualifizierung zur Elternbegleiterin beziehungsweise zum Elternbegleiter erfolgreich abgeschlossen. Die Abbruchquote liegt mit 7 % Prozent in einem für Weiterbildungen eher niedrigen Bereich, die Abbrüche erfolgen dabei vorwiegend aus persönlichen Gründen (50 %), weniger als ein Prozent brechen aus Unzufriedenheit über die Qualifizierung ab (die Gründe für die Abbrüche konnten nur bei Personen erfahren werden, die die Angabe zu dem Punkt gemacht haben).

 

Elternbegleiter und Elternbegleiterinnen – Wer sind sie?

Wer sind die bundesweit über 14.500 Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter?

  • 95 % der Qualifizierungsteilnehmenden sind Frauen.
  • Gut 11 % der qualifizierten Teilnehmenden, geben an, einen Migrationshintergrund zu haben.
  • 85 % arbeiten mit oder in Kitas bzw. Kitas mit Familienzentrum. Im Weiteren verteilen sich die Fachkräfte auf Einrichtungen wie z.B. Familienbildungsstätten, Familienzentren (ohne Kita), Mehrgenerationenhäuser, Eltern-Kind-Zentren, Elternschulen, Grundschulen und Horte.
  • Zwei Drittel der qualifizierten Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter haben einen Berufsabschluss als Erzieherinnen beziehungsweise Erzieher. Weitere 12 % der Fachkräfte bringen einen Studienabschluss mit direktem Bezug (Frühe Kindheit, Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaft) mit.

 

Elternbegleitung als Beratungsangebot erfolgte während der Programmlaufzeiten in der Regel nicht durch Berufsanfänger, sondern durch sehr erfahrene Fachkräfte:

  • 50 % sind über 40 Jahre alt
  • 18 % der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind in der Funktion als Leitungskraft für die Familienbildung tätig. 67 % sind (pädagogische) Fachkräfte.
  • 34 % arbeitet seit mehr als 10 Jahren im Bereich der Familienbildung, 24 % sogar mehr als 15 Jahre.

 

Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind mit Angeboten in ihren Einrichtungen etabliert:

  • Die große Mehrheit der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter (90 %) ist sozialversicherungspflichtig in Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt. Selbstständige machten einen Anteil von 7 %, geringfügig Beschäftigte von 3 % aus.
  • 60 % der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter haben mehr als 10 Wochenstunden für explizit Tätigkeiten der Familienbildung zur Verfügung, 25 % sogar mehr als 30 Wochenstunden.

Familien im Fokus – Elternbegleitung passgenau und am Puls der Zeit?

  • Die Verteilung auf die Bundesländer entspricht in etwa der bundesweiten Verteilung der Kinder unter 6 Jahren in den Bundesländern.
  • Die Angebote der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter halten ein breit ausgefächertes Angebot für alle Familien vor: Im Durchschnitt wird zu 43 % mit allen Zielgruppen oft oder sehr oft gearbeitet. Sie werden u.a. durch Angebote wie Sommerfeste, Elterncafé, Spielplatzbesuche niedrigschwellig erreicht. 
  • Die große Mehrheit (83 %) erreicht Familien mit kleinen Kindern: 60 % arbeitet mit Familien mit Kindern zwischen 3-6 Jahren, in 23 % der Fälle handelt es sich um Familien mit Kindern bis 3 Jahre.
  • Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind wichtige Bezugspersonen für die Familien - sie bieten Beratung, Begleitung und Information gleichermaßen. Auf die Frage, welche Art von Unterstützung sie am häufigsten anbieten, lagen Einzelgespräche mit Eltern mit großer Deutlichkeit vorne (81 %, Mehrfachnennungen waren möglich). Vorträge, Eltern- und Informationsabende sind ebenfalls sehr wichtig (50 %). Auch die Vermittlung an weiterführende Beratungsangebote, Gesprächskreise (z. B. Eltern-Kind-Café) und offene Treffs, Spiel- und Bastelnachmittage (beides 28 %) wurden sehr häufig von den Teilnehmenden angeboten. 13 % begleiten Eltern sogar persönlich zu Ämtern, Schulen oder Beratungseinrichtungen. Die Palette von Angeboten ist so vielfältig wie die Bedürfnisse der Familien es sind.
  • 1.600 Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter haben sich in der Workshop-Reihe "Elternbegleitung für geflüchtete Familien" im Jahr 2016 über wichtige Themenfeldern im Kontext Flucht und Asyl informiert. Sie konnten damit Tausende von Familien mit Fluchterfahrungen bei ihren ersten Schritten zur Integration in Deutschland besser unterstützen.
  • Auch über die Möglichkeiten zur besseren Unterstützung von Familien mit kleinen Einkommen haben sich in den Jahren 2019 und 2020 insgesamt 1.825 Fachkräfte informiert.

Corona-Pandemie: neue Herausforderungen – neue Chancen

Herausforderungen aktuell und für die Zukunft: Während der Corona-Pandemie 2020 brach den Fachkräften eine ganz wesentliche Grundlage für eine gelingende Beziehungsarbeit weg: Das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Auf diese vollkommen unerwartete Herausforderung hat die Praxis der Familienbildung sehr schnell reagiert. Innerhalb von nur wenigen Wochen wurden zahlreiche Angebote und Formate von Fachkräften in den unterschiedlichsten Kontexten entwickelt, um Familien gut weiter zu begleiten, wie z. B.

  • Anpassung der Angebote gegenüber und mit den Eltern in digitale Formate,
  • regelmäßige Aktualisierung der Websites und verstärkte Aktivitäten in den sozialen Medien,
  • die Einführung neuer und der Ausbau bereits bestehender Angebote über digitale Kommunikationswege (u. a. mehrsprachige Erklärvideos),
  • telefonische Beratungen, beratende Spaziergänge oder Fenstergespräche,
  • Paket-Aktionen mit Spielzeugen, Büchern, Beschäftigungsmaterialien und die
  • (kontaktarme) Begleitung der Familien im Homeschooling.

 

Auch im Bereich der Qualifizierung zur Elternbegleiterin beziehungsweise zum Elternbegleiter wurde schnell reagiert: Nach der Absage und vorläufigen Einstellung aller Kurse in Präsenz wurde bereits Mitte 2020 die Weiterentwicklung und Überführung der Qualifizierung in ein Blended learning bzw. E-Learning-Format angestoßen. So konnte sichergestellt werden, dass die Qualifizierungen nahtlos und ohne Qualitätsabstriche weitergeführt bzw. im Zeitraum des „Lockdowns“ überhaupt noch durchgeführt werden konnten. Die digitalen Kurse wurden gut angenommen und die Rückmeldungen der Teilnehmenden sind – trotz der räumlichen Entfernung – gut ausgefallen. 

Vernetzte Elternbegleitung – mit wem und wozu?

Eine weitere Herausforderung für Elternbegleitung ist die Verankerung als feste Größe im kommunalen Raum und die Bereitstellung von zeitlichen und finanziellen Ressourcen, um Angebot der Elternbegleitung regelmäßig Familien verfügbar zu stellen. Erhebungen im Programmverlauf haben deutlich gezeigt, wie wichtig die Vernetzung der Elternbegleitung im Sozialraum bzw. in der Kommune ist.

  • Wichtigste Kooperationspartner der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind Grundschulen (29 %), gefolgt von Beratungsstellen (25 %) sowie Jugend- /Gesundheitsämter (21 %). Dem folgen andere Träger bzw. Einrichtungen der Familienbildung und Kitas.
  • Netzwerkarbeit lokal: 71 % der Teilnehmenden tauschen mit ihren Kooperationspartnern (regelmäßig) Informationen aus. Aber auch auf direkter Ebene, der Ebene der Familien ist eine intensive Zusammenarbeit mit den Partnern für rund ein Drittel der Fachkräfte gelebte Praxis: 34 % führen gemeinsame Angebote und Aktivitäten durch, 28 % vermitteln sich gegenseitig Familien weiter. 14 % berichten auch von der gemeinsamen Koordinierung von Aktivitäten.
  • Vernetzung bundesweit: Seit Anfang 2020 besteht für Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter die Möglichkeit, sich im kollegialen Austausch über Erfahrungen, Herausforderungen oder auch neue Entwicklungen in der Elternbegleitung online auszutauschen. Bis heute haben 1.451 Fachkräfte der Familienbildung daran teilgenommen.

Sonderbefragungen haben gezeigt, dass die Familienbildungsarbeit vor allem dann erfolgreich ist, wenn gute Beziehungen zu den lokalen Entscheidungsträgern bestehen und gepflegt werden:

  • 2017 zeigte die Untersuchung von Krüger/Schröder, dass Elternbegleitung bei zwei Dritteln der Jugendamtsleitungen bekannt war und den Bedarf von qualifizierter Elternbegleitung als hoch oder mittel einschätzen.
  • 2014 gaben rund drei Viertel (74 %) der 100 Modellstandorte Elternbegleitung Plus (Laufzeit Frühjahr 2012 bis Ende 2014) an, in der Praxis sowohl mit der Politik (Bürgermeisterin / Bürgermeister, Kommunalparlament) als auch der Verwaltung (v. a. Jugendamt) gut vernetzt zu sein. Die Befragung zeigte, dass die Akteure aus der Kommunalpolitik dabei eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen: Der Träger der öffentlichen Jugendhilfe ist zwar für die direkte Abstimmung der praktischen, alltäglichen Arbeit der zentrale Ansprechpartner. Gleichzeitig sind die Vertreterinnen / Vertreter der Kommunalparlamente oder auch die Bürgermeisterin / der Bürgermeister Schlüsselakteure, wenn es darum geht, wie erfolgreich Einrichtungen der Familienbildung ihre Unterstützungsbedarfe und Interessen innerhalb des kommunalen Gefüges durchsetzen können.
  • Im Rahmen des Programms „Starke Netzwerke Elternbegleitung für geflüchtete Familien“ (Laufzeit von Mai 2017 bis Dezember 2020) spielte die Einbindung des Jugendamtes der jeweiligen Kommune eine zentrale Rolle. So wurden vielfach in Abstimmung mit dem zuständigen Jugendamt gemeinsam bedarfsgerechte Angebote für geflüchtete und neu zugewanderte Familien entwickelt und umgesetzt.

Weitere Informationen zu dem Bundesprogramm "Starke Netzwerke Elternbegleitung für geflüchtete Familien“ finden Sie hier: https://www.elternchance.de/bundesprogramm-starke-netzwerke/

Einordnung durch die Wissenschaft

Einordnung durch die Wissenschaft

Das Kompetenzteam „Frühe Bildung in der Familie“ beriet und unterstützte mit seiner wissenschaftlichen Expertise Vorhaben des Bundesfamilienministeriums im Bereich der frühkindlichen Bildung und Familienbildung. Den Schwerpunkt bildete dabei die wissenschaftliche Begleitung des ESF-Bundesprogramms „Elternchance II – Familien früh für Bildung gewinnen“ (2015–2020) sowie seines Vorgängerprogramms „Elternchance ist Kinderchance – Elternbegleitung der Bildungsverläufe der Kinder“ (2011-2015). Das Kompetenzteam ist an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) angesiedelt.

Die Bundesprogramme „Elternchance ist Kinderchance“ und „Elternchance II“ sind aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung eine Erfolgsgeschichte. Diese steht zum einen im unmittelbaren Zusammenhang mit der sehr hohen Zufriedenheit der Fachkräfte mit der Qualifizierung zur Elternbegleiterin / zum Elternbegleiter.

In den Abschlussbefragungen im Rahmen von „Elternchance II“ gaben fast alle Teilnehmenden (95 Prozent) an, dass sie mit der Qualifizierung vollkommen zufrieden (73 Prozent) oder eher zufrieden (22 Prozent) sind. Auch würden fast alle Fachkräfte (95 Prozent) die Qualifizierung weiterempfehlen. Die erworbenen Kenntnisse werden von den Teilnehmenden als sehr praxisrelevant bewertet: Rund 93 Prozent geben an, dass sie sehr viel (47 Prozent) oder viel (46 Prozent) von dem, was sie in der Qualifizierung gelernt haben, in ihrem Arbeitsalltag nutzen und konkret bei der Begleitung von Eltern einsetzen können. „Herzstücke“ des Kompetenzerwerbs sind hier die Wertschätzung und Achtsamkeit in der Zusammenarbeit mit Eltern sowie Kommunikation und Beratung. 

Auch die Eltern, die Angebote der qualifizierten Fachkräfte nutzen, fühlen sich laut der Evaluation von 2015 sehr gut von ihrer Elternbegleiterin / ihrem Elternbegleiter angenommen und wertgeschätzt. Sie verfügen über mehr Wissen um Ansprechpersonen bei Bildungsbelangen, nutzen eher kindbezogene Angebote und haben weniger Befürchtungen zum Schuleintritt ihrer Kinder. Nicht zuletzt haben diese Eltern ein verändertes Bildungsverständnis und erweitern ihre familiären Anregungsstrukturen (u.a. über Spielen, Gespräche). Die Qualifizierung kommt der Breite der Einrichtungen zugute, indem Überlegungen zu offenen und aufsuchenden Angeboten und das vernetzte Denken im und für den Sozialraum, aber auch ein Blick auf Familien in besonderen Belastungssituationen in der Qualifizierung geschärft werden.

Elternbegleitung ist zudem gut in der Landschaft zur Familienförderung verankert: Sehr stark werden im Rahmen von „Elternchance II“ Fachkräfte aus Kindertagesstätten (55 Prozent) und Kitas mit Familienzentren oder Eltern-Kind-Zentren (22 Prozent) erreicht. Weitere Teilnehmende kommen aus Grundschulen, Familienbildungsstätten, Beratungsstellen, Familienzentren ohne Kita, Jugendämtern und sonstigen Einrichtungen der familienbezogenen Infrastruktur. Eine aus wissenschaftlicher Sicht hervorzuhebende Besonderheit der Bundesprogramme ist darüber hinaus die groß angelegte und systematische wissenschaftliche Evaluation der Bundesprogramme. Zunächst in „Elternchance I“ mit der Gesamtevaluation des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Erlangen-Nürnberg, ab 2015 dann mit den Abschlussbefragungen und der wissenschaftlichen Begleitung ausgewählter Programmschwerpunkte durch das Kompetenzteam „Frühe Bildung in der Familie“ konnten hier wertvolle Einsichten gewonnen werden, die in die Programmgestaltung eingeflossen sind, z.B. bei der Weiterentwicklung des Curriculums der Qualifizierung.

Erfahrungsberichte von und aus der Praxis

Rahmenbedingungen und Arbeit im Projekt EC – Erfahrungen und Berichte der Tätigkeit im Projekt Elternchance II (Martina Reuter)

Die Begleitung der Qualifizierungskurse als Dozentin war ein besonderes Arbeitsfeld. Das lange Format erlaubte es, Inhalte mit den Teilnehmenden aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und bot Zeit, um Haltungen zu reflektieren und einzuüben. Im gemeinsamen dialogischen Arbeiten entstand eine große Nähe zwischen allen Kursbeteiligten. Wir als Dozentinnen und Dozenten waren gefordert, diese professionell zu gestalten und exemplarisch zu beleben. Es war spannend zu beobachten, wie sich jede Kursgruppe auf ihre ganz eigene Weise formierte, welche vielfältigen, teilweise sehr berührenden individuellen Entwicklungsprozesse innerhalb jedes dieser „Container“ stattfanden.

Die Rahmenbedingungen der Kurse waren sehr wertschätzend: Tagungshäuser, in denen die Kurse stattfanden, waren zumeist in schöner Lage und boten hinsichtlich Unterbringung und Versorgung einen hohen Komfort, so dass es Teilnehmenden gut möglich war, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Auch die Möglichkeiten zur inhaltlichen Reflektion der pädagogischen Arbeit im Team der Dozentinnen und Dozenten waren in vielerlei Hinsichten reichhaltig. Es wurde beispielsweise eine Vielzahl an Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Diese griffen aktuelle fachliche und gesellschaftliche Diskurse wie Armut, Demokratiefeindlichkeit, Mehrsprachigkeit, Partizipation unter anderem auf und gaben wertvolle Anregung zur Weiterentwicklung der Kurspraxis. Regelrechte Highlights waren die Jahrestreffen des Trägerkonsortiums: Expertinnen / Experten aus Wissenschaft oder Bildungspolitik, die Inputs gaben und sich Fragen der Dozentinnen und Dozenten stellten, der Austausch zwischen uns Dozentinnen und Dozenten, der durch die Unterschiedlichkeit der fachlichen und persönlichen Herkünfte spannend und bereichernd war. Hier gab es viele Anknüpfungspunkte für das Finden der Tandempartnerinnen und -partner, mit denen schließlich Kurse durchgeführt werden konnten. Gerade das Arbeiten in verschiedenen Konstellationen war etwas Besonderes, das ein gegenseitiges Lernen ermöglichte und es erlaubte, die eigene Haltung ebenso wie Kursinhalte immer weiterzuentwickeln und zu präzisieren.

Was bleibt nach Beendigung des Programms? Die erweiterten eigenen Kompetenzen, vielfältige Netzwerke freundschaftlich-kollegial gewachsener Beziehungen und nicht zuletzt die bestärkende Gewissheit, an der Aussaat dialogischer, wertschätzender, gleichwürdiger Ideen in mehr als 14.000 Köpfe, Herzen, Hände mitgewirkt und zu einer großflächigen Veränderung pädagogischer Praxis beigetragen zu haben.

Das Modulhandbuch umfasst eine Fülle von Themen! Schwerpunktsetzung im Verlauf der Jahre (Edith Lauble und Ulla d'Almeida-Deupmann)

Ein Schwerpunkt im Curriculum ist die Förderung von vernetzter Elternarbeit. Wir stellten im Laufe unserer Tätigkeit als Dozentinnen und Dozenten fest, dass viele Einrichtungen die professionelle Vernetzung in den letzten Jahren verstärkt im Blick haben. Fast in allen Bundesländern haben sich Familienzentren oder unter ähnlichen Begrifflichkeiten übergeordnete Zentren entwickelt, bei denen Netzwerkarbeit im familiären Sozialraum und im institutionellen Rahmen im Fokus steht. Auch die Etablierung von Inklusion in den Einrichtungen zieht automatisch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit sich. Die Selbstverständlichkeit professioneller Netzwerke ist dadurch gewachsen und brauchte nicht grundlegend erarbeitet werden.

In diesem Zusammenhang nahmen wir wahr, dass die Auseinandersetzung mit kostenlosen Angeboten im Sozialraum für Familien mit geringem Einkommen bei den Kursteilnehmenden auf immer größere Resonanz stieß. Wir brachten das Thema "Unterstützung von Familien mit kleinen Einkommen", das bundesweit in Workshops angeboten wurde, in unsere Kurse ein und erlebten, dass es einige Teilnehmende in ihren Projekten kreativ weiterentwickelten: Sie sammelten mit den Eltern kostenlose Outdoor-Aktivitäten sowie Bildungseinrichtungen, die eintrittsfrei besucht werden können und unterstützten die Familien mit gemeinsamen Unternehmungen.

Im Curriculum war das Thema „Digitale Medien“ sowohl als pädagogisches Thema als auch unter dem Aspekt, Eltern erreichen zu können, nicht aufgeführt. Das war natürlich durch die notwendig gewordenen Online-Formate der Kurse anders geworden. Wir gestalteten auch davor schon kleinere Arbeitseinheiten und bekamen die Rückmeldung, wie wichtig das Thema für die Teilnehmenden ist. Als zukünftige Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sahen sie ihre Aufgabe darin, Eltern dafür zu sensibilisieren, ihren Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang vorzuleben und altersgerechte Inhalte auszuwählen. Der andere Aspekt, digitale Medien zu nutzen, um z.B. über Messanger-Dienste mit Eltern niederschwellig in Kontakt zu kommen, wurde von den Teilnehmenden ebenfalls motiviert aufgenommen. Gerade unter Pandemiebedingungen empfanden sie es als hilfreich, unterstützende Tools auszuprobieren und deren Nutzbarkeit zu testen. Bei nicht wenigen ergaben sich Aha-Effekte und direkte Umsetzungsideen. Den „Dialog“ als Haltung kennenzulernen und ihn im Miteinander der Kursgruppe einzuüben war in allen Kursen, die wir als Dozentinnen und Dozenten begleiteten, für die Teilnehmenden eine bereichernde und für nicht wenige sogar eine beglückende Erfahrung. In vielen Projektpräsentationen setzten sich die Teilnehmenden intensiv und sehr persönlich mit ihrem eigenen dialogischen Gesprächsverhalten auseinander und berichteten voller Freude, wie sich ihre Beziehungen zu den Eltern in ihren Einrichtungen dadurch verändert haben.

Bildung in Zeiten der Pandemie - EC II und Corona: Wie haben die Dozentinnen und Dozenten die Pandemiezeit erlebt? (Goska Soluch und Ulrike Stephan)

Die Umstellung der Kurse auf ein Online-Format war auch für die Dozentinnen und Dozenten eine große und zugleich positive Herausforderung. Wie sollte das gehen? Elternchance digital? DIALOG online? Wie lässt sich die dialogische Haltung allein vor dem Bildschirm sitzend vermitteln? Die Atmosphäre, das kommunikative Miteinander, der Austausch in der Gruppe, die vielfältigen und lebendigen Methoden unvorstellbar!

Die Zentralstelle hat bereits Anfang Mai 2020 die Initiative ergriffen und gemeinsam mit dem Konsortium und den Dozentinnen und Dozenten innovativ und kreativ die ersten Hürden genommen: Die technischen Voraussetzungen wurden geschaffen, ein digitales Konzept entwickelt und Online-Fortbildungen für die Dozentinnen und Dozenten angeboten. Nach den ersten digitalen Blöcken haben wir uns in Online-Treffen über unsere Erfahrungen ausgetauscht: Methoden, Tipps, Materialien und hilfreiche Links wurden geteilt. Die Zentralstelle hat uns in jeder Hinsicht unterstützt.

Die Anpassung erprobter Methoden in ein digitales Format war für Manche kaum vorstellbar. Mit Mut und Tatkraft gelang es aber rasch, der lähmenden Situation der Pandemie etwas entgegen zu setzen und bereichernde Erfahrungen zu sammeln.

Wir wuchsen mit den Aufgaben und haben in der digitalen Welt mit neuen anderen Möglichkeiten gemeinsam viel gelernt. Das von Kurs zu Kurs positive Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat uns darin bestärkt, dass die Weiterqualifizierung der Fachkräfte auch in Online-Formaten Erfolge feiern kann.

Es war für alle Beteiligten eine anstrengende und herausfordernde Zeit, die viel Engagement, Entbehrungen, Mut und starke Nerven kostete. Und gleichzeitig war es eine große Chance Neues zu lernen und über sich selbst hinauszuwachsen.

Fazit: Es ging weder inhaltlich, noch atmosphärisch etwas von dem „Elternchance-Spirit“ verloren.

Der Beginn einer spannenden Reise – die dialogische Haltung (Oda Bakuhn und Beate Lamm)

An der Art der Begrüßungen am ersten Tag einer Qualifizierungsreihe zur Elternbegleiterin / zum Elternbegleiter wird sofort spürbar, dass wir uns als Dozentinnen und Dozenten auf die Teilnehmenden freuen und sie ebenso begrüßen. Diese Offenheit und das Willkommen sein, ist bereits der erste Moment, in dem die Teilnehmenden spüren, dass sie als Person gemeint sind.

Diese Atmosphäre von Aufgeschlossenheit und Leichtigkeit lädt ein, sich schnell einzulassen und ist weit entfernt von dem Gefühl, etwas leisten zu müssen, denn Lernen braucht Freude und Spaß, um nachhaltig zu sein.

Die folgenden Begegnungen, z.B. in einem Dialogkarussell mit persönlichen Fragen, bringen die Teilnehmenden und die Dozentinnen und Dozenten, die sich als Gastgeberinnen und Gastgeber auf gleicher Augenhöhe verstehen, in einen Kontakt, der zunehmende Nähe untereinander ermöglicht.

Die nachstehenden Tage sind in allen Sequenzen von der dialogischen Haltung geprägt. Dies ermöglicht den Anwesenden, am eigenen Leib zu spüren, wie wertvoll echte Begegnungen sind, in denen es um „professionelle Nähe“, statt um „professionelle Distanz“ geht.

Oft gibt es innerhalb des ersten Blocks die Erkenntnis, dass die Gruppenzusammenstellung besonders gut gelungen ist, die Teilnehmenden alle sehr sympathisch und offen sind. Dass dies in der dialogischen Haltung miteinander begründet liegt, wird von Block zu Block deutlicher.

Die Intention ist, dass sich die Beteiligten ehrlich und authentisch begegnen und erleben, dass sie es sind, die diese Atmosphäre schaffen und durch ihre eigene Haltung in die jeweilige Einrichtung übertragen können. Es geht um ein echtes, lebendiges Interesse an den Eltern, um wirkliches Zuhören und darum, in eine Begegnung zu treten, die unabhängig von allem Fachwissen, gleichwürdig ist.

So ist es immer wieder wunderbar zu erleben, wie die Teilnehmenden im Laufe der drei Blöcke ihre Haltungen und Sichtweisen zunehmend verändern und Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen wertfreier, authentischer und akzeptierender begegnen. Die Eltern dürfen so bleiben wie sie sind, sie werden jedoch anders eingeladen und begleitet, denn jede Lebensgeschichte ist ganz individuell und braucht ein menschliches Gegenüber, das haben Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter verinnerlicht.

1000fach gelebter Transfer in die Praxis – die Projektarbeiten. Von der ersten Idee bis zur Präsentation im Kurs (Mehmet Alpbek und Heike Kreßler)

Die Planung, Durchführung, Dokumentation und Präsentation der Praxisprojekte waren für die meisten Teilnehmenden am Anfang eine große Herausforderung, die oft mit Ängsten und Leistungsdruck verbunden war. Von der dialogischen Haltung in der Elternarbeit hatten die meisten nur eine vage Vorstellung. Unsere Aufgabe als Kursleiterinnen und -leiter lag darin, ihnen die Ängste bzw. Vorbehalte zu nehmen und sie zu ermutigen, Themen zu wählen, die ihnen wichtig sind und die sie gut im Rahmen ihrer Arbeit umsetzen können.

Das Vermitteln der dialogischen Prinzipien, das Arbeiten an der eigenen Haltung und die Reflexion in der Gruppe bewirkte bei den Teilnehmenden schon im ersten Block, dass sie sich ihrer professionellen Kompetenzen bewusster wurden und mit mehr Selbstvertrauen und viel Motivation auf die Praxisprojekte blickten. Die Reflexionstreffen zwischen den Blöcken wurden für die weitere Planung und zum Üben als sehr wichtig und hilfreich beschrieben.

Eine wiederkehrende Rückmeldung der Teilnehmenden im Prozess der Weiterqualifizierung war, dass sie viele positive Erfahrungen mit der bewussten Anwendung der dialogischen Prinzipien/Haltung sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext gemacht haben.

Beeindruckend war am Ende der Weiterqualifizierung die Bandbreite der durchgeführten Projekte. Sie beinhalteten sowohl dialogisch geführte Entwicklungsgespräche oder Einzelberatungen mit Eltern als auch Elternabende, bei denen sich Eltern im Austausch mit den anderen Eltern als Expertinnen und Experten für ihre Kinder erleben konnten. Darüber hinaus gab es diverse Elternprojekte, wie gemeinsames Kochen, Wellness für Eltern von Kindern, Dialogspaziergänge, Ausflüge und verschiedene Festivitäten. Einige Teilnehmende beschäftigten sich intensiv mit Haltungsfragen im Team und auch die gesamte Organisation oder Einrichtung wurde unter dialogischen Gesichtspunkten betrachtet.

Die Präsentationen waren in ihrer Durchführung alle sehr kreativ und unterschiedlich. Sie erfolgten zum Teil „klassisch“ durch einen Vortrag, mit oder ohne Power-Point-Präsentation, durch aktive Beteiligung der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer (z.B. durch ein Rollenspiel oder bei gemeinsamer kreativer Gestaltung z.B. Filzarbeiten), in Form einer Bayrischen Brotzeit und weiteren interessanten Präsentationsformen.

Viele der Projekte, wie Elterncafés bzw. -treffs, sind als festes Angebot in den Einrichtungen etabliert worden. Das Wesentliche und Nachhaltigste aber ist aus unserer Sicht der Dozentinnen und Dozenten die Erfahrung der Teilnehmenden, dass sie durch ihre Haltungsänderungen einen qualitativen Unterschied in der Elternarbeit erleben konnten und auch viel positive Resonanz von den Eltern bekommen haben, was sie wiederum in ihrem neuen Ansatz bestätigte.

Elternbegleitung aus der Sicht des Trägers (Hubert Heeg, Geschäftsführer der AKF und Sprecher des Konsortiums Elternchance)

Ende 2010 hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) das Programm „Elternchance ist Kinderchance“ (2011-07/2015) vorgestellt. Als wir, d.h. die AKF und fünf weitere bundeszentral tätige Organisationen, die Aufgaben der Familienbildung wahrnehmen und deren Interessen vertreten, damals beschlossen, als „Konsortium Elternchance“ gemeinsam als verbindlich handelnder Akteur und Kooperationspartner des BMFSFJ an der Umsetzung mitzuwirken, war ich eher skeptisch. Wie sollte das gehen - sechs Verbände, die in ihren Wertegrundlagen unterschiedlich sind und ein je eigenes trägerspezifisches Aufgabenverständnis haben. Heute, kurz vor Abschluss des ESF-Bundesprogramms „Elternchance II – Familien früh für Bildung gewinnen“ (ab 08/2015), bin ich froh, dass es uns damals gelungen ist, den Fokus auf das zu legen, was uns verband und weiterhin verbindet: die Sicht auf die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, die durch soziale Bildungsbenachteiligung und strukturelle Bildungsbarrieren gegeben sind. Es war und ist unser gemeinsames Anliegen, im Rahmen unserer jeweiligen Möglichkeiten mitzuwirken, soziale Ungerechtigkeiten zu überwinden. Dabei liegt unser Fokus auf den Interessen von Kindern und ihren Familien. So war es naheliegend und doch ein großer Schritt, unsere verfügbaren Ressourcen und unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzufügen, um gemeinsam ein erweitertes Bildungsverständnis zu entwickeln und aktiv und trägerübergreifend dazu beizutragen, dass die immer mehr sichtbar werdende Bildungs- und Teilhabeungerechtigkeit überwunden wird.

Es entstanden im Rahmen beider ESF-Bundesprogramme Curricula zur Qualifizierung von Fachkräften zu Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern und somit eine Weiterqualifizierung, die die Stärkung der Fachkräfte in bildungsbezogenen Themenfeldern und in der Zusammenarbeit mit Eltern und Familien vor allem in benachteiligenden Lebenslagen zum Ziel hat. Dabei wurden in den Verbänden bereits erprobte und implementierte Ansätze, Eltern von Anfang an für die Bildungsverläufe ihrer Kinder zu sensibilisieren, aufgegriffen und weiterentwickelt. Die vom Konsortium Elternchance umgesetzte Qualifizierung basiert dabei auf der Konzeption einer „situativen und dialogischen“ Familienbildung (Tschöpe-Scheffler), für die insbesondere drei Eckpunkte charakteristisch sind:

  • die Ausbildung einer kommunikativ-sensiblen, zugewandten und dialogischen Grundhaltung,
  • der situationsadäquate Rückgriff auf fundiertes Fachwissen und
  • die Reflexion der eigenen professionellen Rolle und Haltung in der Zusammenarbeit mit Eltern und Familien.

 

Die dialogische Grundhaltung von Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern, wie sie sich aus der konzeptionellen Grundorientierung der Weiterbildung ableitet, beinhaltet eine klare Positionierung hin zu einer Familienbildung, die Unterschiedlichkeit als Reichtum versteht und deren Anliegen im Abbau jedweder Ausgrenzung und Benachteiligung liegt. Die dialogische Grundhaltung der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter in der Zusammenarbeit mit den Familien steht für den Respekt vor der Einzigartigkeit eines Menschen und dem Eigen-Sinn von Familien, für das Bewusstsein um die Begrenztheit der eigenen (professionellen) Sicht und Expertise und die Offenheit für individuelle und vielfältige Lebensformen. Sie ermöglicht eine gleichwürdige Begegnung zwischen Familie und Fachkraft und traut es Eltern zu, ihren Kindern Chancen zu ermöglichen. Eltern fühlen sich willkommen, wertgeschätzt und eingeladen zu einer gemeinsamen Arbeit im Interesse ihres Kindes und erfahren sich als selbstwirksame Gestalterinnen und Gestalter ihres Lebens. „Jede und jeder kann durch den Dialog ermutigt werden, das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit und das Gespür für den eigenen „richtigen“ Weg wiederzufinden. Das macht die Menschen langfristig unabhängiger vom Urteil sogenannter Experten und deren Wissen und es stärkt sie.“ (Johannes Schopp).

Dies setzt voraus, dass sich die Fachkraft selbst als Lernende wahrnimmt, die keine Lösungen vorgibt, sondern die Familienmitglieder als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt, ihre Einzigartigkeit und ihren Eigensinn anerkennt und ihnen die Entwicklung eigener Lösungen zutraut. Sie selbst versteht sich als fachkundige Begleiterin auf diesem Weg, die durch eine erkundende Haltung und eine Einladung zum Perspektivenwechsel Mütter, Väter und Kinder darin bestärkt, eigene Stärken (wieder) wahrzunehmen, Ressourcen zu erkennen und eigene Potenziale selbstbewusst auszuschöpfen. Menschen, die sich in dieser Weise als selbstwirksam erleben und verstehen, haben gute Voraussetzungen dafür, ihre (Bildungs-)Chancen und die ihrer Kinder zu erkennen und wahrzunehmen. Dies geht einher mit der Bereitschaft der Elternbegleiterin / des Elternbegleiters, eigenes Handeln, Vorannahmen, Erfahrungen und Prägungen in den Blick zu nehmen und zu hinterfragen. Indem die Weiterqualifizierung dialogisches Lernen und dialogische Haltung den Teilnehmenden nicht allein vermittelt, sondern sie diese unmittelbar erfahren lässt, wirkt sie als Modell für die zukünftige dialogische Arbeit der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter.

Um diese Ziele zu erreichen, wird in der Qualifizierung u.a. ein großer Wert auf die Gruppenbildung gelegt. Es geht darum, eine wertschätzende und vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der es möglich wird, miteinander zu lernen und sich zu entwickeln; immer wieder neu und anders. Die Teilnehmenden werden in ihrer je eigenen Wirklichkeit abgeholt, es werden Selbstreflexionsprozesse initiiert, die Ressourcen der Teilnehmenden „wecken“. Ein wichtiges Stichwort ist dabei Entschleunigung: Es wird Zeit gegeben, um bei sich sein und Veränderungsprozesse zulassen zu können. Von großer Bedeutung ist zudem die Durchführung eines Praxisprojektes. Die schriftliche Auseinandersetzung mit dem Projekt und die Rückbindung desselben an die Inhalte der Qualifizierung eröffnet zum einen zusätzliche individuelle Lernmöglichkeiten. Bei der Präsentation des Projektes in der Gruppe wird - wie in der gesamten Qualifizierung - auf eine Feedbackkultur geachtet, die sowohl das Positive hervorhebt als auch einlädt und ermutigt, die je eigene „Komfortzone“ zu verlassen und „anderes“ zu probieren. Die Teilnehmenden erfahren so in der Qualifizierung die anerkennende, vorurteilsbewusste und achtsame Haltung an sich selbst, mit der sie als Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter künftig Müttern und Vätern begegnen werden. Mit den beiden Programmen hat das BMFSFJ somit auch einen Paradigmenwechsel in der Familienbildung befördert und einen bildungspolitischen Perspektivwechsel initiiert: Pädagogische Fachkräfte erwerben in einer modular angelegten beruflichen Weiterqualifizierung zusätzliches Wissen und praktische Handlungskompetenz in der dialogischen Bildungsberatung und -begleitung von Eltern.

 

Vor diesem Hintergrund war der Corona-Lockdown 2020 eine besondere Herausforderung. Neben technischen (Ist die W-Lan-Verbindung stabil genug?) und didaktischen Fragestellungen (Wie kann man am Küchentisch mit dem geborgten Computer der Kinder an einem Online-Kurs teilnehmen?) waren die Kernfragen: Lässt sich eine „Begegnung“ digital vermitteln, der dialogische Gruppenprozess in ein Online-Format übertragen? Gemeinsam mit einem Kernteam aus der Gemeinschaft der Dozentinnen und Dozenten haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zentralstelle Konzepte entwickelt, Schulungen für Dozentinnen und Dozenten durchgeführt und die technischen Voraussetzungen erprobt. Viele Methoden aus dem Seminarraum konnten in den „digitalen Raum“ übertragen werden. Und ein Gruppenprozess zu kreieren und eine Bindung sowohl zwischen Dozentinnen und Dozenten und Gruppe als auch zwischen den Teilnehmenden aufzubauen, gelang umso besser, je vielfältiger die Sinneserfahrungen aktiviert wurden. Manche Teilnehmende konnten die Seminarzeit sogar besser mit den privaten Herausforderungen vereinbaren, anderen fiel es hingegen deutlich schwerer, sich voll und ganz auf den Seminar-Prozess einzulassen, wenn nebenbei der Alltag „hereinschwappte“. Fazit ist, dass das Online-Format somit eine sinnvolle Ergänzung, jedoch keinesfalls ein Ersatz der Präsenzkurse darstellt. In einer wertschätzenden Umgebung den Kopf frei zu haben, sich im Tagungshaus voll und ganz auf den Prozess einlassen zu können, die Gruppe sehen, im direkten Kontakt mit den Dozentinnen und Dozenten und den anderen Teilnehmenden zu sein - das und vieles mehr ist mit dem Online-Format kaum vergleichbar.

 

Durch ihre anerkennende, vorurteilsbewusste und achtsame Haltung gegenüber allen Familien – unabhängig von deren Herkunft, Bildung und Ethnie – und auch über innovative Formen und Settings gelingt es Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter, Barrieren abzubauen und verstärkt Familien zu erreichen, die bislang von Angeboten der Eltern- und Familienbildung ausgeschlossen geblieben sind. Dabei profitieren Familien auch davon, dass das Bemühen der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter verstärkt darauf gerichtet ist, Netzwerke innerhalb ihres Sozialraums auf- und auszubauen: Die Kenntnis weiterer Angebote im Sozialraum und ein guter Kontakt zu anderen Akteurinnen und Akteure ermöglichen es ihnen, im Sinne einer „Lotsen“ -Funktion, Familien ihren Bedürfnissen und Bedarfen entsprechend, zügig andere oder weiterführende Dienste und Angebote innerhalb des sozialen Nahraumes zugänglich zu machen.

 

Die gemeinsame Qualifizierung von Fachkräften ist das eine. Darüber hinaus verstehen wir unsere langjährige Kooperation im Konsortium Elternchance auf Bundesebene als Modell für die regionalen Akteurinnen und Akteure der beteiligten Verbände, um auch vor Ort zu verbindlichen Absprachen und zu trägerübergreifenden Kooperationsformen zu kommen, die von Transparenz, Fairness und klarer Zielorientierung bestimmt sind und die Familienbildung gemeinsam weiterzuentwickeln. So regen wir auf lokaler und regionaler Ebene Bündnisse der für die Familienbildung relevanten Akteurinnen und Akteure an und unterstützen bestehende Bündnisse insbesondere mit dem Ziel, Einsatz- und Arbeitsmöglichkeiten der Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter strukturell zu verankern und zu verstetigen.

 

Das Bundesfamilienministerium hat mit den ESF-Bundesprogrammen Elternchance I und II Erfolgsgeschichte geschrieben: Mehr als 14.500 zu Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter qualifizierte pädagogische Fachkräfte bundesweit sind in Familienbildung, Kita, Schule und anderen Einrichtungen tätig, um mit ihren Angeboten, z. B. in Kitas, Familienzentren und Familienbildungsstätten, Eltern frühzeitig und zielgruppengerecht für die Bildungsverläufe ihrer Kinder sensibilisieren, zu den Übergängen im Bildungssystem zu beraten und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als Konsortium Elternchance haben wir sechs Verbände maßgelblich zu diesem Erfolg beigetragen. Es ist nur konsequent, die Ergebnisse und Leistungen der bislang zehnjährigen gemeinsamen Projektarbeit zum Nutzen der öffentlich verantworteten Familienbildung und ihrer Verbandsorganisationen möglichst zu erhalten und weiterzuentwickeln. Wir haben daher als Konsortium Elternchance beim BMFSFJ einen Projekt-Antrag zur „Verstetigung und Qualitätssicherung von Elternbegleitung“ gestellt. Damit verfolgen wir u.a. durch das Angebot von Qualifizierungskursen den Bestand an Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern zu sichern, durch Weiterbildungen von Elternbegleiterinnen / Elternbegleiter und Dozentinnen / Dozenten die Qualität von Elternbegleitung zu erhalten und die lokale Implementierung und Vernetzung von Elternbegleitung zu unterstützen. Dabei wollen wir perspektivisch prüfen, ob und wie eine Fachstelle „Elternbegleitung“ auf Bundesebene entstehen kann.

 

Elternbegleitung ist ein Handlungsfeld innerhalb der Familienbildung, Familienbildung selbst ist jedoch deutlich mehr als Elternbegleitung. Die 2021 veröffentlichte Bestandsaufnahme Familienbildung und Familienberatung (BMFSFJ/ Prognos AG 2021) in Deutschland zeigt auf, wie sehr sich auch Familienbildung in den vergangenen zehn Jahren verändert hat: So ist der Anteil der Familien mit niedrigem und mittlerem sozialem Status in der Familienbildung deutlich gewachsen. Familienbildungseinrichtungen ergänzen ihre Angebote zunehmend durch aufsuchende und mobile Angebote. Bildungsbegleitung als Themenfeld in der Familienbildung erfährt spürbar einen Bedeutungszuwachs. Die bildungs- und gesellschaftspolitische Bedeutung von Familienbildung ist in der Politik angekommen, wenngleich zeitgemäße und den hohen Ansprüchen an Familienbildung entsprechende Förderstrukturen vielfach noch ausstehen. Die dem Konsortium Elternchance angehörenden Organisationen haben deshalb den Beschluss gefasst, die Zusammenarbeit auch im Rahmen eines Kooperationsverbundes Familienbildung fortzusetzen mit dem Ziel, sich über die Elternchance-Programme hinaus am fachpolitischen Diskurs zu beteiligen und sich auf Bundes- und Länderebene weiterhin trägerübergreifend für die Interessen der Familienbildung einzusetzen.

Statements von aktuellen und früheren Verbände-Vertretenden im Konsortium Elternchance:

„Besondere Höhepunkte an Elternchance waren und sind für mich

  1. die vielen positiven Rückmeldungen von Teilnehmenden, die die Qualifizierung in höchsten Tönen loben.
  2. meine Treffen und Gespräche mit Dozentinnen und Dozenten des Programms, die mich mit ihren Kompetenzen als Erwachsenenbildner beeindruckt haben.
  3. die einvernehmliche, solidarische und nachhaltig gute Zusammenarbeit von sechs Bundesorganisationen, um die Arbeit mit und für Familien professionell weiterzuentwickeln.“

Andreas Zieske (eaf)

 

„Das Highlight der Qualifizierungen war für mich ein wiederkehrendes: Die Irritationsmomente jeder einzelnen Person, die im Innehalten neue Wege eröffneten und durch Perspektivwechsel immer wieder ermöglicht haben, ganze Realitäten zu verändern. Dies ist in beeindruckender Weise in den Projektberichten belegt worden. Das Highlight war also auch nachhaltig: Eine Erweiterung des eigenen Sichtfeldes und die Stärkung einer inneren Haltung der Wertschätzung, Offenheit und demokratischen Positionierung.“

Melike Cinar (Paritätisches Bildungswerk e.V.)

„Ein Projekt-Highlight für uns ist die Anbahnung einer Kooperation in Bremen zwischen dem dortigen evangelischen Bildungswerk, dem Landesverband evangelischer Tageseinrichtungen und dem Landesinstitut für Schule. Es begann mit einem Grußwort der Senatorin für Kinder und Bildung auf unserer Elternchance-Tagung vor drei Jahren und wurde schließlich ein erfolgreich in Kooperation umgesetztes Landesprogramm zur Entwicklung von Bildungspartnerschaft und Übergangsmanagement in Schulen.“

Steffen Kleint (DEAE)

Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter kommen zu Wort

Wie hat die Weiterqualifizierung zu Veränderungen in der eigenen Haltung geführt? Gab es Einflüsse auf die eigene pädagogische Arbeit?

Wie sehr sich diese Fortbildung auf mich, mein Denken und Handeln auswirkte, kann ich gar nicht hoch genug ansetzen. Im Grunde wühlten diese Tage und deren daraus gewachsenen Dialoge alles in mir auf und definierten mich und dadurch meine Arbeit neu. Ich denke neu. (Rohan Siebert, AWO Kinderhaus, Zorneding)

Vor drei Jahren fingen unsere Teammitglieder an, sich als Elternbegleiterin / Elternbegleiter zu qualifizieren. Mein Gedanke war, alle Teammitglieder zu qualifizieren, um als Team gleich zu sein und gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Ich brenne für den Inhalt und die Aussage, die ich bei der Fortbildung gelernt habe. Jeder von uns hat sich mit seiner Vergangenheit/Kindheit auseinandergesetzt, das hat uns verändert. Bei Elterngesprächen habe ich mir jahrelang die Frage gestellt „Warum habe ich das Patentrezept? Warum bin ich die Expertin?“ Ich bin selbst Mutter und kann mir eingestehen, nicht immer alles richtig gemacht zu haben. Bei der Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin / zum Elternbegleiter wurde mir klar, dass nur die Eltern Expertinnen und Experten ihrer Kinder sind und ich nicht alles wissen oder belehren muss. Die Last ist von mir, aber auch von meinen Kolleginnen und Kollegen genommen worden. Vorbereitungen von Elterngesprächen wurden offengehalten, Erwartungen und Lösungen wurden zur Nebensache. (Raphaela Raba und Team, Evangelischer JONA Kindergarten, Hamm)

Ich konnte meine Ansätze und meine Haltung in der pädagogischen Arbeit neu überprüfen und reflektieren. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Jede Familie, jeder Mensch hat eine eigene Geschichte und Beweggründe, wie sich das eigene Leben gestaltet, welche Baustellen, oder auch Krisen uns zeitweise, immer wieder mal, oder auch stets begleiten. (...) Für mich war und ist es noch wichtiger geworden, Menschen im Leben, bei uns in Hamburg und hier, in unserem Eltern- Kind- Zentrum willkommen zu heißen. Willkommen zu sein und gesehen zu werden ist meiner Meinung nach grundlegend und entscheidend für eine positive Zukunft. (Claudia Wunsch, Eltern-Kind-Zentrum Johanna- Kirchner- Haus, AWO Hamburg, Hamburg)

Als ich mit der Weiterqualifizierung begonnen habe, hatte ich selbst zwei kleine Kinder. In der Mutterrolle war ich teilweise stark gefordert, habe mich manchmal auch überfordert gefühlt. Die Weiterqualifizierung, die Referentinnen / den Referenten und die anderen Teilnehmenden haben mir Möglichkeiten zum Umdenken geschenkt. Vom „Erziehen sollen“ hin zum „Familienleben“ – jede Meinung ist wertvoll, jedes Familienmitglied darf gehört werden, jede und jeder verdient den gleichen Respekt. Es hat mir also im privaten Umfeld auch sehr viel gebracht. Beruflich habe ich mich durch die Weiterqualifizierung neu orientiert. Meine Abschlussarbeit „Zauberkoffer für Eltern – lieber verzaubern als verzweifeln“ hat mir neue Dimensionen in der Zusammenarbeit mit Bildungsträgern, Kindertageseinrichtungen und Eltern ermöglicht. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar. (Franziska Wanger, WangerLAND, Raubling)

Das Praxisprojekt - Was hast du in deiner Einrichtung bereits umgesetzt? Wie geht es weiter? Gab es nachhaltige Veränderungen?

Viele Projekte, die wir in der Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin / zum Elternbegleiter entwickelt haben, führen wir weiter und sie haben sich in unserem Kitajahr eingefügt. So empfangen wir die neuen Eltern unserer Einrichtung mit einem Elternnachmittag „Mein Schatz kommt in den Kindergarten - Nur mit Eltern gelingt es“ und wenn die Kinder im letzten Kindergartenjahr sind, laden wir die Eltern zu einem Abend ein „Mein Schatz kommt in die Schule - Nur mit Eltern gelingt es“. Beide Veranstaltungen sind im Rahmen der Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin und zum Elternbegleiter in Projekten entstanden und sind so gut angenommen worden, dass sie ein fester und wichtiger Bestandteil geworden sind. Die Teilnahme der Eltern an den Veranstaltungen hat sich erhöht und die vielen Rückmeldungen und Fragen nach mehr Veranstaltungen freuen uns immer wieder sehr. (Raphaela Raba und Team, Evangelischer JONA Kindergarten, Hamm)

Mit meinem Praxisprojekt „Zauberkoffer für Eltern“ konnte ich für mich neue Wege beschreiten. Zuerst habe ich in meinem eigenen Wohnort Veranstaltungen durchgeführt. Die Nachfrage ist schnell gestiegen und in nächste umliegende Orte und Städte übergeschwappt. Mittlerweile biete ich die „Zauberkoffer-Veranstaltungen“ mit mehreren Kolleginnen an, die ich zu Multiplikatorinnen ausgebildet habe. Es finden Teamtage in Kindergärten, Online-Veranstaltungen und Eltern- bzw. Teamabende in allen Varianten statt. Es besteht nun sogar ein kleiner Instagram-Kanal und im kommenden Jahr werden in München an Schulen Elternabende mit dem Zauberkoffer stattfinden. Wenn ich das so schreibe, wird mir ganz warm um’s Herz. Es hat sich etwas entwickelt, was ich damals gar nicht in einem so umfangreichen Rahmen gesehen habe. (Franziska Wanger, WangerLAND, Raubling)

Meine innere Haltung hat sich massiv verschoben und mit der "Pfeffermühle der Selbstreflexion" würzte ich mit einer großzügigen Portion Demut, mein Denken und Handeln. Darauf aufbauend verändere ich alles, was in Bezug zu der Elternarbeit im Kinderhaus steht. Protokollvorlagen werden neu gedacht, Elternabende neu strukturiert und Elterngespräche neu angegangen. Diese neue Haltung trage ich ins Team, versuche zuzuhören, wo ich sonst diskutiert und geredet hätte und binde den Elternbeirat auf eine experimentelle Art mit ein. Ich bin gespannt, was sich daraus entwickeln wird. (Rohan Siebert, AWO Kinderhaus, Zorneding)

Was war das Besondere an der Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin und zum Elternbegleiter? Wie hast Du das Miteinander in den Kursen erlebt?

Besonders waren für mich die Intensität, das Arbeiten an der eigenen Haltung und eine besondere Form der Wertschätzung einer und eines jeden. (Claudia Wunsch, Eltern-Kind-Zentrum Johanna- Kirchner- Haus, AWO Hamburg, Hamburg)

Das erlebte lässt sich nicht in Worte fassen, zumindest noch nicht. Aber was mich am meisten beeindruckt hat war die Auseinandersetzung mit dem Thema Dialog. Er ist so wichtig und hat so viele Facetten. Gedanklich stecke ich immer noch im Dialogkreis. Eine Methode, die jeden ganz individuell teilhaben lässt. (Yvonne Hilbert, AWO Kita Zwergenwinkel, Spandau)

Uns gefiel am besten die Gemeinschaft in der Fortbildung. Die Gewissheit, jeder hat seine Sichtweise der Dinge. Jeder nimmt den Anderen wie er ist. Dazu gibt es ein Zitat einer Kollegin „Ich kann sagen, was ich denke, ohne dafür kritisiert zu werden!“ (Raphaela Raba und Team, Evangelischer JONA Kindergarten, Hamm)

Das Besondere an meiner Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin waren die anderen Teilnehmenden. Wir haben uns zunächst nur online kennengelernt, da unsere beiden ersten Kurse digital stattfanden. Als wir uns dann zum letzten Block vor Ort in Burgstädt treffen durften, waren wir alle sehr dankbar, denn endlich konnten wir uns in den Pausen vernetzen und uneingeschränkt miteinander sprechen. Es war toll, dass alle so offen, freundlich und wertschätzend miteinander umgegangen sind. Wir haben alle die dialogischen Einladungen verinnerlicht und gelebt! (Katja Haußig, Hort der Kurt-Masur-Schule, Leipzig)

Woran denkst Du besonders gern zurück?

An den Austausch mit wunderbaren Menschen, an emotionale Tiefe und blindes Vertrauen. (Yvonne Hilbert, AWO Kita Zwergenwinkel, Spandau)

Ich denke gern an die Art der Dozentinnen / Dozenten zurück. Diese Ruhe, die die beiden ausstrahlen, ist eine Wohltat und schwingt in meinem Herzen seitdem mit. (Franziska Wanger, WangerLAND, Raubling)

An die liebevollen und immer humorvollen Dialoge innerhalb der Gruppe, gekennzeichnet von gegenseitigem Respekt und Anerkennung. (Rohan Siebert, AWO Kinderhaus, Zorneding)

Eine lustige Anekdote war für mich bei der Weiterqualifizierung das T-Shirt von Johannes Schopp. Auf dem Shirt stand ganz groß „ICH“. Es wurde immer mal wieder hochgehalten, wenn jemand bei persönlichen Statements „man“ sagte, um uns an unsere Ausdrucksweise zu erinnern. (Michelle Kayser, Diakonisches Werk - Kita Rappelkiste, Eilenstedt)

Elternbegleitung ist wichtig, weil…

… in unserem Beruf die Haltung alles entscheidet! Egal, ob im Umgang mit den Eltern, Kindern oder Kolleginnen und Kollegen: Auf die eigene Haltung kommt es an! Darauf wird im Kurs sehr viel Wert gelegt und nur dadurch kann man Eltern tolerant, offen und wertschätzend gegenübertreten und sie gut begleiten. (Katja Haußig, Hort der Kurt-Masur-Schule, Leipzig)

…die eigentlichen Experten sehr selten diejenigen sind, die von sich behaupten, es zu sein. (Rohan Siebert, AWO Kinderhaus, Zorneding)

… nur eine vertrauensvolle Arbeit mit den Eltern die Entwicklung jedes einzelnen Kindes positiv bestärken kann. (Yvonne Hilbert, AWO Kita Zwergenwinkel, Spandau)

…Elternsein eine ganz besondere Aufgabe im Leben ist. Viele Eltern purzeln in diese Lebensphase unvorbereitet hinein und sind erstaunt, was es alles mit sich bringt. Ich selbst habe diesen Umschwung vom Nicht-Eltern-Sein zum Eltern-Sein als sehr herausfordernd empfunden. Ich bin immer noch und immer wieder für jede Unterstützung dankbar – meine Kinder sind heute 10, 9 und 3 Jahre alt. Eltern sind eine der wichtigsten Säulen unserer Gesellschaft – ohne sie gäbe es keine Kinder und damit keine Menschen, die unser Leben bereichern. Eltern sollten in meinen Augen auf Händen getragen werden und nach besten Möglichkeiten unterstützt werden. (Franziska Wanger, WangerLAND, Raubling)

…letztlich jede Fachkraft eine Elternbegleiterin bzw. ein Elternbegleiter ist. (Michelle Kayser, Diakonisches Werk - Kita Rappelkiste, Eilenstedt)

Online-Austausch und digitales Qualifizierungsformat

Erfahrungen mit dem Format Online-Austausch und dem digitalen Qualifizierungsformat (Jan Bley - Leiter Zentralstelle Elternchance II, AWO)

Am Freitag, dem 13.03.2020 war es für das gesamte Team des Konsortium Elternchance traurige Gewissheit: Alle geplanten Kurse wurden in Rücksprache mit dem BMFSFJ bis auf weiteres abgesagt. Coronabedingt war es nicht möglich, die Präsenztermine in den Häusern durchzuführen. Kurz darauf ging es überall Schlag auf Schlag: Homeoffice, Lockdown, Schul- und Kitaschließung etc…! Mit einem Mal standen alle Räder still. Wie lange? Ungewiss!

In dieser Situation wollten wir uns nicht mit dem Stillstand abfinden. Die Idee war schnell geboren: Elternchance-Kurse ONLINE! Nicht alle waren auf Anhieb überzeugt. Es gab ja ganz praktische Problemstellungen: Haben alle bzw. fast alle Teilnehmenden entsprechende Endgeräte? Wird das Internet stabil genug sein – überall in Deutschland? Wie würde das Format von den Teilnehmenden angenommen?

Und dann erst die Kernfragen: Inhalte lassen sich digital vermitteln – aber eine wirkliche Begegnung? Eine vertrauensvolle, pädagogische Arbeit, die Reflexion von individuellen Einstellungen und Haltungen? Lässt sich der dialogische Gruppenprozess in ein Online-Format übertragen? Viele Dozentinnen und Dozenten haben den Prozess positiv begleitet, aber es gab auch die mahnenden Worte derer, die sich um das Herzstück der Qualifizierung – der wertschätzenden, zwischenmenschlichen Begegnung – sorgten.

Gemeinsam mit einem Kernteam der Dozentinnen und Dozenten wurden in der Zentralstelle Elternchance binnen kürzester Zeit Konzepte entwickelt, Schulungen für das „neue Format“ organisiert und durchgeführt und die technischen Voraussetzungen erprobt. Das Ergebnis: Ab dem 01.05.2020 konnten alle bis dahin bereits angelaufenen Kursreihen im Online-Format fortgesetzt werden!

Die Schulungen der Dozentinnen und Dozenten waren ein großer Erfolg und der Transfer der bewährten Methoden ins Online-Format konnte intensiv erprobt werden. Dennoch musste Einiges in den ersten Kursen live getestet und spontan umgesetzt werden. Pannen gehörten dazu – zum Glück wurde diesen mit viel Verständnis, einem Schmunzeln und gegenseitiger Unterstützung begegnet.

Nicht nur für die Dozentinnen und Dozenten war die neue Umgebung eine Herausforderung. Die IT-Vorkenntnisse auf Seiten der Teilnehmenden variierten stark. Auch die technischen Bedingungen waren sehr unterschiedlich: Im hauseigenen Arbeitszimmer lässt es sich gut an einem Online-Seminar teilnehmen – am Küchentisch mit dem geborgten Computer der Kinder ist es schwierig. Die Unterschiede der Ausstattung waren mitunter erheblich. Dieser „Blick ins Private“ war neu und ungewohnt. Überhaupt mussten viele Gepflogenheiten, die uns im „echten Seminarleben“ selbstverständlich sind, neu verhandelt werden.

Gemeinsam gelang es, unsere bisherige Komfortzone „Seminarraum“ zu verlassen, und das Online-Format zum Leben zu erwecken. Dabei galt es auch den Gruppenprozess neu zu denken: Wie kann die Bindung sowohl zwischen Dozentinnen / Dozenten und Gruppe, als auch der Teilnehmenden untereinander kreiert bzw. aufgebaut werden? Ist ein wirkliches Gruppenerlebnis online möglich? Gelingt es, auch die „Leisen“ im Blick zu behalten? All dies gelang umso besser, je vielfältiger die Sinneserfahrungen aktiviert wurden, denn der Kreativität sind auch online keine Grenzen gesetzt: Körpererfahrungen, Veränderung der eigenen Position und damit Perspektive im Raum, Malen, Singen etc. – es ist so vieles möglich!

Viele Methoden aus dem Seminarraum konnten übertragen werden. Der Einsatz zusätzlicher Tools bot vielfältige Möglichkeiten, die das „Dabeibleiben“ spannender, überraschender und gemeinsame Gruppenerlebnisse möglich machten. Oft waren die Teilnehmenden überrascht, wie schnell und gut sie mit dem Format zurechtkamen, welche kreativen Möglichkeiten es bietet UND welchen enormen Kompetenzzuwachs sie ganz nebenbei damit gewannen. Wir beobachteten erfreut, wie positiv zugewandt, interessiert, wertschätzend und mühelos das Miteinander in Kürze entstand. Für einige Menschen war es sogar leichter, im Online-Format sehr persönliche Momente und Überzeugungen zu teilen, als in einer großen Runde im Präsenzformat.

Für die soziale Arbeit ist das Online-Format ein völlig neues und unübliches Medium mit erheblichem Potential. Dies wurde nicht zuletzt an den kreativen Projektideen deutlich, die in der Corona-Zeit für das Online-Format entwickelt und umgesetzt wurden. Das Online-Format bietet zusätzliche Alternativen in den sozialen Bereichen Menschen zu erreichen: überregional, mit geringerem Zeitaufwand, kostensparend, kurzfristig. Einige Teilnehmende konnten die Seminarzeit besser mit den privaten Herausforderungen vereinbaren. Auch einige Dozentinnen und Dozenten genossen es, nicht ständig „auf Achse“ zu sein und den Feierabend mit der Familie verbringen zu können. Natürlich gibt es auch die Kehrseite der Medaille: Es fiel vielen Teilnehmenden deutlich schwerer, sich voll und ganz auf den Prozess der Seminararbeit einzulassen, wenn „nebenbei noch der Alltag gewuppt“ werden muss. Einige wenige lehnten das Format grundsätzlich ab.

Auch die programmbegleitenden Formate wurden angepasst bzw. neu entwickelt. Die Fachtage wurden online angeboten. Mit dem Austauschforum Elternbegleitung schufen die Koordinatorinnen ein Setting, in dem sich Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter im Höhepunkt der Pandemie, und darüber hinaus, austauschen konnten und so nicht nur praktische Tipps und Anregungen, sondern insbesondere eine gehörige Portion Mut und Durchhaltevermögen in diesem schwierigen Lockdown teilten.

Es gab viele rührselige Momente in diesen Online-Tagen. Es wurde gemeinsam gesungen, gelacht und auch mal geweint. Es gab Abschiedsfeste, bei denen sich die Teilnehmenden viele nette Kleinigkeiten ausdachten wie z.B. Mixdrinks vor laufender Kamera, Spiele und gemeinsames Tanzen. Es wurde sich zur Zertifikatsübergabe chic gemacht und mit Sekt auf die gemeinsame Erreichte angestoßen.

Zweifelsohne: Das Online-Format hat seine Berechtigung. Es ist eine gute Alternative bzw. eine sinnvolle Ergänzung. Jedoch ist es keinesfalls ein Ersatz für die Zusammenkunft im Seminarhaus. Der informelle Kontakt, der Plausch beim Kaffee oder das gemeinsame Glas Wein am Abend im Seminarbetrieb ist im Online-Format kaum vergleichbar. In einer wertschätzenden Umgebung den Kopf frei haben und sich im Seminarhaus voll und ganz einlassen können, die Gruppe sehen und im Kontakt sein - nach nunmehr 20 Monaten Pandemie kennen wir auch die Grenzen und freuen uns, langsam aber sicher wieder in die Seminarhäuser zurückkehren zu können.

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